Mein Leben mit Mike

Ich werde überwacht – von Mike. Jetzt weiß ich auch wer Mike ist, und wie er tickt.

MikeSupermarkt

Rechts: Mike (bei der Recherche im Supermarkt zufällig vor die Linse gelaufen). Foto: Christian Schnettelker

 

Seit den Enthüllungen der NASA Affaire (siehe auch Glossar) weiß ich, dass ich ziemlich sicher als Überwachungsziel markiert wurde. Nicht weil ich ein böser Bube bin, sondern weil ich jemanden kenne, der bei einer gern überwachten Firma gearbeitet hat. Wie wir alle aus den Enthüllungen gelernt haben: es reicht zum Beispiel bei der SADE (siehe auch Glossar) zu arbeiten um als Überwachungsziel markiert zu werden. Und alle Kontakte von Überwachungszielen werden auch überwacht.
Und natürlich noch alle Kontakte der Kontakte – zur Sicherheit.

Als Kontakt erster Ordnung genieße ich also die volle Aufmerksamkeit der NASA. Überwachungsziel sein ist aber eine merkwürdige Situation. Man weiß nicht so recht was mit einem passiert. Was genau wird da überwacht? Was ist für die Überwacher von Interesse, und was nicht? Was wirkt verdächtig, und was ist harmlos?

Um mit der Überwachungssituation leichter umgehen zu können, habe ich mir einen imaginären Überwacher zugelegt: Mike. Mike dient mir dazu, mir über die Überwachungssituation klar zu werden. Wenn ich weiß wer dieser Mike ist und wie er tickt, dann weiß ich auch was er von mir denkt.

Mike begleitet mein Leben nun schon seit ein paar Monaten, und inzwischen habe ich ein relativ klares Bild von Mike. Mike ist wahrscheinlich ein typischer Amerikaner: ein Berg von einem Mann – 160 Kilo würde ich mal schätzen. Die obligatorischen weißen Sneakers, dazu Jeans und ein Poloshirt aus dem der Stiernacken und das Doppelkinn herausquellen. Mike schnaubt immer so wenn er spricht – glaube ich. Mike ist ein begnadeter Analyst und Hacker und beruflich sicherlich höchst erfolgreich.

Von seinem sechsstelligen Jahresgehalt hat sich Mike in North Potomac (Maryland, 13885 Hidden Glen Lane) unlängst ein repräsentatives Anwesen gekauft. Sein vorheriges Reihenhaus in der Boulder Ridge Road am Stone Lake in Savage-Guilford hatte ihn irgendwie depressiv gemacht. Dort war alles sehr beengt, spießig und kleinbürglich: Wohnen unter Kollegen im Wendehammer am See. Zwar nur 9 Autominuten bis Ford Escort (siehe auch Glossar), aber als erfolgreicher Analyst bei der NASA ist mehr drin.

Und so residiert Mike nun eben allein in North Potomac auf 5700 Quadratfuß Wohnfläche mit 5 Schlafzimmern und 4 Bädern. Familie hat Mike nicht – das ist mit seinem Stressberuf nicht zu vereinbaren. Abends sitzt Mike gerne an der Feuerstelle, brät sich ein 800 Gramm Steak, schlürft Diet Coke und schaut zufrieden über sein Grundstück zum Waldrand.

Da ich jetzt Mike wesentlich besser kenne, kann ich auch ganz gut einschätzen was er über mich denkt. Nehmen wir beispielsweise mein Smartphone. Um Mike zu ärgern, schalte ich mein Smartphone fast immer in den Flugmodus. Auf der Fahrt in die Arbeit, schalte ich aber mein Smartphone immer für etwa drei Minuten ein. Immer an der gleichen Stelle: am Bahnhof Trudering.

Mike hat mein merkwürdiges Verhalten schon registriert und versucht sich nun einen Reim darauf zu machen. Mike hat sich in Google Maps natürlich schon genauer in Trudering umgesehen, aber auf den ersten Blick nichts auffälliges entdeckt. In Wikipedia hat er den Artikel “Bahnhof München-Trudering” gefunden. Mike spricht zwar ein paar Brocken Deutsch, aber den Wikipedia-Artikel versteht er nicht wirklich.

Mit Google Translate kann Mike zwar noch Wörter wie “Spurplandrucktastenstellwerk” und “Schildvortriebverfahren” übersetzen, aber bei diesem Satz steigt Google Translate leider aus: “Im östlichen Verbindungstunnel befinden sich eine Fingerhakel- und eine Armdrück-Darstellung.”

Es ist natürlich kein Zufall, dass Mike auf diesen Artikel gestoßen ist. Mikes Recherche-Schritte sind vorhersehbar, und mir gefällt die Vorstellung, dass sich Mike den Kopf darüber zerbricht, was zum Teufel eine “Fingerhakel-Darstellung” und eine “Armdrück-Darstellung” ist. Diese kleinen Rätsel des Alltags sind meine Art mit Mike zu kommunizieren.

Ich finde es ist eine Frage von gutem Benehmen, auf die Bedürfnisse meines NASA Analysten Rücksicht zu nehmen. Mike ist ein hochintelligenter junger Mann. Die Vorstellung, diesen blitzgescheiten, hochbezahlten Analysten mit durchschnittlichen, unspektakulären Daten zu versorgen widerstrebt mir. Ich denke es ist meine Pflicht, einige Rätsel und Fragestellungen in meinen Datenstrom einzubauen, so dass mein Analyst gefordert wird und geistig beweglich bleibt.

Überwachungsziel sein bringt also gewisse Verpflichtungen mit sich. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste mal im Internet unterwegs sind. Auch Ihr Mike will bei Laune gehalten werden – spielen Sie mit ihm!

PS: Na sehen Sie – man kann schon was machen!

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